Arbeiter*innen: Heraus zum 1. Mai! Oder eben nicht

Der diesjährige 1. Mai ist für mich ein besonderer. Denn während ich in den vergangenen Jahren immer voller Hoffnung und Mut war, wenn wir gemeinsam durch die Strassen von Zürich gezogen, gemeinsam auf die Errungenschaften der linken Politiker*innen angestossen und über bürgerliche Vollpfösten geschimpft haben, bin ich dieses Jahr ausser mir vor Wut, liebe Genoss*innen. Und ich habe Angst. Dieser Text ist all denjenigen gewidmet, die sich am diesjährigen Tag der Arbeit ebenso fühlen, wie ich.

Vor wenigen Monaten, die sich wie Jahre anfühlen, war ich noch voller Hoffnung. Damals wurde uns allen langsam klar, dass das Coronavirus unseren Alltag massgeblich beeinflussen wird. „Ist das die Krise, auf die wir alle gewartet haben? Ist das die sinnbildliche ‘Bombe vor zehn Jahren’, welche K.I.Z. im Song ‘Hurra die Welt geht unter’ besingen? Könnte diese Pandemie unser aller Denken langfristig verändern?“, dachte ich mir damals. Ich stellte mir vor, wie die Solidarität, die sich von Anfang an zwischen Personen, die Hilfe benötigten, und denjenigen, die helfen konnten, die Krise lange überdauern würde. Ich dachte, dass wir erkennen, welche Aufgaben gesellschaftsrelevant sind und welche nur unser kapitalistisches System aufrechterhalten, ohne dabei einen gesellschaftlichen Mehrwert zu erzeugen. Ich hoffte, dass wir alle einsehen würden, wie fragil unsere Existenz auf diesem wunderschönen Planeten ist und diese Einsicht in den Kampf gegen die Klimakrise mitnehmen. Doch meine Zuversicht schwand mit jedem Tag mehr.

“Von der Wirtschaft profitieren wir alle.” Ein Märchen von Neoliberalen

Vor etwas mehr als einer Woche stritt ich mit einem Mitmenschen darüber, ob es richtig wäre, alle Teile der Wirtschaft von heute auf morgen wieder zum Laufen zu bringen. Er meinte: „Weisst du, Timothy, wenn wir nicht bald wieder in die Normalität zurückkehren, wird das schwerwiegende wirtschaftliche Konsequenzen mit sich ziehen. Das darf nicht passieren.“ Bei genauem Hinschauen hat diese Aussage eine Kernbotschaft: „Wenn’s der Wirtschaft gut geht, geht’s uns allen gut. Geht’s ihr nicht gut, leiden wir alle.“ Aber stimmt das? Konkretes Beispiel: Wenn der Gewinn einer klassischen Aktiengesellschaft steigt, geht es dann den Arbeitnehmenden dieser Firma besser? Erhalten sie mehr Lohn, mehr Ferien? Nope: Der steigende Gewinn geht normalerweise zum grössten Teil in die Taschen der Aktionär*innen, zu einem weiteren Teil in die Taschen der Angehörigen der Teppichetage. Die Arbeitnehmenden, die wohlbemerkt direkt dafür verantwortlich sind, dass die AG überhaupt Gewinn erzeugen kann, sehen meistens kaum etwas von ihrem Gewinn. Der Gewinn wird „abgeschöpft“.

Und umgekehrt? Klassisches Beispiel: Die oben genannte Firma schreibt im darauffolgenden Jahr einen massiven Verlust. Die Folge? Entlassungen, „Umstrukturierungen“ und „Effizienzsteigerungen“. Ist das zum Wohl der Arbeitnehmenden? Kaum. Und die Aktionär*innen? Ach, denen muss man ja trotzdem Dividenden auszahlen, sonst würde der Aktienwert fallen, alle würden die Aktien verkaufen wollen, die Firma würde zu Grunde gehen. Also lieber ein paar Arbeiter*innen mehr entlassen und dafür trotzdem einen Überschuss ausschütten können. Herzlichen Glückwunsch, du hast soeben die Basis von marxistischem Denken kapiert.

Unter diesem Gesichtspunkt antwortete ich meinem Kollegen: „Wieso sollten die Arbeiter*innen, die Lohnabhängigen ihr Leben und das ihrer Mitmenschen aufs Spiel setzen, wenn sie doch eigentlich nicht für ihr eigenes Wohl arbeiten, sondern dasjenige der Besitzer*innen ihrer Firma, der Aktionärsversammlung ihrer AG oder des CEOs ihres Unternehmens?“ Die Augen meines Gegenübers weiteten sich ein bisschen. „Aber…“, fragte er ungläubig, „heisst das du würdest unser ganzes Wirtschaftssystem zu Grunde gehen lassen?“ Er sah mich ungläubig an, als ich ihm antwortete, dass ich mich für Menschenleben entscheiden würde, falls die Entscheidung „Wirtschaftssystem vs. Menschenleben“ lautet.

Ist es nicht verrückt, dass wir diese Diskussion überhaupt führen? Ist es nicht beängstigend, dass wir das Wohlergehen der ganzen Welt vom Wohlergehen unseres Systems abhängig machen? Ist es nicht krass, dass es Menschen gibt, die behaupten, dass wir unbedingt alle Geschäfte wieder öffnen müssen, auch wenn das bedeutet, dass einige Leute sterben werden?

Die SWISS ist systemrelevant!

Ich hatte die Diskussion mit meinem Freund bereits vergessen, doch dann: Die Bombe. Der Bundesrat entschied, dass er die Fluggesellschaft SWISS finanziell unterstützen möchte. Kaum eine Stunde nach der Medienkonferenz des Bundesrats, schrieb mir der Antagonist dieser Geschichte: “Siehst du, der Bundesrat hat es erkannt. Die SWISS muss unterstützt werden.” Okay, aber weshalb?

“Die SWISS beschäftigt viele Arbeiter*innen”: Es sind international 9’500. Als Vergleich, das Universitätsspital Zürich beschäftigt 8’500 Menschen. Die könnten meines Erachtens auch mal ein bisschen mehr unterstützt werden. Ach, und übrigens retten diese Leute Menschenleben und fliegen nicht Ignazio Cassis von Zürich nach Genf.

“190’000 Arbeitsplätze sind in der Schweiz von der Luftfahrt abhängig”: Stimmt. Aber wie lange soll das noch so bleiben? Wir sind uns alle bewusst, dass wir dieses Problem anpacken müssen, um langfristig vom Flugzeug als wichtigstes internationales Transportmittel weg zu kommen und kaum jemand wird noch bestreiten, dass das unser Ziel sein muss. Vielleicht wäre es da besser, dieses Geld in die Unterstützung von denjenigen Personen, die von der SWISS abhängen, und deren Aus- und Weiterbildung zu investieren. So könnten wir nämlich sowohl das kurz- als auch das langfristige “SWISS-Problem” lösen. Ach und übrigens: In der Schweiz arbeiten über 300’000 Personen in Gesundheitsberufen. Wie bereits betont: Diese Leute retten Menschenleben.

Und mein persönlicher Liebling: “Jede Unternehmung, die vom Coronavirus betroffen wird, soll vom Staat unterstützt werden. Da ist es egal, ob es die SWISS oder dein lokales Gewerbe ist”: Ist es nicht pervers, dass dieses Argument meistens von denjenigen Menschen kommt, die in nicht-Coronavirus-Zeiten von der “Allmacht des freien, unberührten Markts” sprechen und nachts Feuchtträume über die unsichtbare Hand haben? Seien wir mal ehrlich: wenn diese Aussage stimmen würde und alle Unternehmungen gleich wie die SWISS behandelt würde, dann würden kleine, lokale Unternehmer*innen heute Nacht ruhig schlafen. Die Priorität liegt offensichtlich auf grossen Konzernen: Die bringen nämlich Geld. Halt nur denen, die schon Geld haben. Aber denen bringen Sie wenigstens Geld.

Das Dilemma unserer Generation: Zu spät, zu früh

Das sind nur zwei von unzähligen Dingen, die mich meine Hoffnung verlieren liessen: Ebenso entsetzt war ich, als ich meiner Mutter erzählte, dass die Sika, welche für einen grossen Teil ihrer Belegschaft Kurzarbeit beantragte, horrende Dividendenausschüttungen bekanntgab und sie mir vollen Ernstes antwortete, dass das eben die Dividenden des vorherigen Geschäftsjahres seien.

In den letzten Wochen begann ich etwas zu realisieren: Unsere Generation hat die Arschkarte gezogen. Wir sind zu spät geboren, um unser System von Grund auf mitzugestalten. Wir können viele einen Grossteil der Hegemonie, also der herrschenden Grundhaltung in unserer Gesellschaft, nur sehr schwer beeinflussen. Vieles ist zu tief in den Köpfen unserer Mitmenschen verankert, um es von heute auf morgen zu verändern. Gleichzeitig sind wir wahrscheinlich zu früh für auf die Welt gekommen, um die gesellschaftliche Revolution, von welcher ich nachts träume, mitzuerleben. Ernüchternd, nicht wahr?

Doch dann: Ein Hoffnungsschimmer

Ich hatte aufgegeben. Ich war an dem Punkt angelangt, an dem ich mich fragte, was unser alltäglicher Kampf eigentlich bringt. Wieso soll ich den ganzen Tag für eine Utopie kämpfen, wenn es aussichtslos ist, den Neoliberalismus nachhaltig und bald zu überwinden?

In meiner Einsamkeit und desillusionierten Enttäuschung wandte ich mich dorthin, wo sich wahrscheinlich viele in Covid-Zeiten wenden: Ein digitaler Zoom-Kaffee mit einer Genossin. Ich öffnete mich ihr, schüttete meine Angst, meine Wut und meinen Frust aus. Sie sass da, schaute mich an, überlegte kurz und antwortete: “Timothy, du kämpfst nicht nur für dich. Du kämpfst für reale Veränderungen in der aktuellen Zeit, mag sein. Aber du kämpfst vor allem für die Zukunft. Der Zweck deines Engagements ist es nicht nur, das Leben von heute zu beeinflussen. Wir schaffen den Nährboden kommender Veränderungen.” Wie recht du doch hast, Nevin. Und wie wichtig es ist, dies ab und zu wieder zu hören.

Genoss*innen, lasst uns weiter kämpfen! Lasst uns diese Krise meistern, indem wir für das Pflegepersonal einstehen, indem wir unseren Mitmenschen zeigen, das Klatschen nicht reicht. Lasst uns die Krisen der Zukunft überwinden, indem wir Grundsatzdiskussionen führen und nicht nur versuchen unser System anzupassen. Lasst uns einander Kraft und Mut geben, mit dem Finger auf die Ungerechtigkeiten, die das herrschende System erschaffen hat, zu zeigen bis keine*r von uns mehr wegschauen kann. Und lasst uns den Nährboden kommender Veränderungen mit gegenseitiger Solidarität düngen, damit unsere Bewegung wachsen kann.

Ich wünsche euch allen einen stärkenden, kraftvollen und solidarischen Tag der Arbeit.

Venceremos!

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